____________

1286008 Besucher

Die Coronazeit aus der Sicht der Lehrer

„Na ja, du als Lehrerin hast es ja gut! Du hast ja praktisch bezahlten Urlaub, jetzt wo ihr nicht arbeiten dürft“, so höre ich es immer wieder von meinen Freunden und erstaunlicher Weise auch von meinen eigenen Kindern, obwohl die doch mitbekommen, wie viel Zeit ich im Büro verbringe! Ich bin zuhause und das ist alles was zählt. Also wenn ich ganz ehrlich sein darf, dann muss mir wohl jemand die Bedeutung des Wortes „bezahlter Urlaub“ noch einmal richtig erklären.

Ich möchte ihnen hier in Auszügen den Corona-Alltag einer Grundschullehrerin schildern, wie er so oder so ähnlich bei mir und ganz vielen meiner Kolleginnen täglich abläuft.

Morgens aufstehen und ganz schnell den Lehrplan fertig schreiben! Gestern Abend um 21.00 Uhr hatte ich einfach keinen Elan mehr dazu. Während ich da noch so vor mich hinbrüte, fällt mir ein, dass mir ganz dringend noch eine gute Idee für Kunst fehlt und dass, oh Wunder, es nicht mit der Idee getan ist, sondern dazu ja auch noch Material gehören würde….
OK, geschafft und die Idee für Kunst auch schon in Material verarbeitet.

Um 10.00 Uhr ist dann die Video- Konferenz der Schule mit den Lehrern anberaumt. Ich kann mich kaum richtig konzentrieren, weil natürlich just in dem Moment, in dem die Konferenz startet, auch mein Sohn beschlossen hat, dass jetzt genau der richtige Augenblick ist, um mit Lernen anzufangen. Super! „Mama, das Padlet lädt wieder nicht, Mama ich verstehe Mathe nicht…, Mama, du bist schuld, wenn ich meine Aufgaben nicht erledigen kann,“ so lange bis mir der Kragen platzt und ich ihn rausschmeiße und knallhart die Türe abschließe.
Konferenz zu Ende, zumindest die mit meinem Sohn!

Dann kommt noch schnell das Mittagessen, irgendwie!
Nach dem Essen muss ich noch in die Schule zum Kopieren, Sortieren und Heften. Super, ich darf ganz offiziell genehmigt meine vier Wände verlassen!

Treffe noch zwei Kolleginnen. Aber halt, nicht gemeinsam in den Kopierraum! Ein bisschen Erfahrungen austauschen und vielleicht auch einfach nur reden will man ja aber trotzdem - also eine Kollegin im Kopierraum, eine vor der Türe und die letzte auf der Treppe. Man muss nur erfinderisch sein, dann geht fast alles.

Plötzlich vibriert mein Handy, ein Hilferuf meiner Tochter die mit Physik nicht klar kommt. Kernfusion und Kernspaltung - soll mich schon einmal darauf einstellen, dass sie später noch Hilfe braucht.
Es ist mittlerweile 14.30 Uhr. Alles scheint nun endlich ordentlich sortiert und in übersichtliche Stapel geordnet zu sein!

15.00 Uhr, Übergabetermin der Wochenpläne und einsammeln einiger Materialien zur Kontrolle. Die Eltern kommen pünktlich wie verabredet und die Stimmung ist super gut. Es ist schön, sie wieder zu treffen. Nur, was mache ich mit denen, die nicht da waren? Längeres Telefonat mit der Elternvertreterin und unserem Jugendsozialarbeiter. Jetzt ist es 17.30 Uhr. Aber noch ist der Tag nicht zu Ende. Es folgen noch drei Telefonate mit Eltern.
Wow, meine Tochter bereitet tatsächlich ein Abendessen vor. Das ist wirklich prima, bin nämlich mittlerweile ziemlich kaputt! Es ist jetzt bereits 19.45 Uhr, ich muss aber noch ganz schnell die Videokonferenz für morgen vorbereiten. Schriftlich subtrahieren mit Übertrag, eine Gruppe morgens um 8.30 Uhr, die zweite dann um 15.00 Uhr. Aber Genaueres doch lieber morgen früh ab 7.00 Uhr zwischen Kaffee, Schreibtisch und Laptop!

Zum Glück haben wir die tollsten Schüler der Welt, für die sich das alles wirklich lohnt!

(Das Hemminger Kollegium, geschrieben von Frau Gerke)

corona-sicht-lehrer-1

Comments are closed.